Auf dieser Seite stellen wir in Kürze unser Konzept für ein Queeres Zentrum Erfurt vor.

Mit einem ersten Kurzkonzept haben wir dem Erfurter Stadtrat im Januar 2019 bereits die Eckpunkte eines Queeren Zentrums benannt: Beratung, Bildung, Begegnung.

Ausgangssituation

In Thüringen leben Menschen mit vielfältigen Lebensweisen, Identitäten und Kulturen, so unter anderem lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen (LSBTIQ*-Menschen). Mehrere Untersuchungen zeigen ein ambivalentes Verhältnis der sogenannten Mehrheitsgesellschaft gegenüber dieser Personengruppe. So zeigt die 2015 erstellte Studie „Queeres Deutschland – Zwischen Wertschätzung und Vorbehalten“ der Change Centre Foundation, dass sich Thüringen im bundesweiten Vergleich „an der Spitze des Unbehagens“ befindet. Dabei gaben 59,3 % der Befragten an, dass es ihnen unangenehm sei, von neuen Bekannten für homosexuell gehalten zu werden, lediglich 52,9 % der befragten Thüringer*innen würden queere Menschen in ihrer Nachbarschaft begrüßen und nur 42,4 % sprachen sich für einen Zuwachs kultureller Wertschätzung von Homosexualität in Deutschland aus. Für Thüringen liefert der Thüringen Monitor 2015 ebenfalls Befunde für Homophobie.

Auf der anderen Seite berichteten bei einer Befragung des Vielfalt Leben – QueerWeg Verein für Thüringen e. V. gemeinsam mit dem KomRex der FSU Jena aus dem Jahr 2017 fast die Hälfte der befragten LSBTIQ*-Mensche von Diskriminierungserfahrungen. Diese wurde in verschiedenen Formen, u. a. verstärkt an Schulen und in der Öffentlichkeit erlebt. Die Untersuchung zeigt eine negative Auswirkung dieser Erlebnisse auf die individuelle Lebenszufriedenheit auf. Gleichzeitig kennen die Befragten weit überwiegend keine Beratungs- oder Anlaufstellen.

Eine explorative Studie des IDZ-Jena, des KomRex der FSU Jena sowie der EAH Jena aus dem Jahr 2018 zeigt auf, dass es einen Mangel an Beratungsangeboten für LSBTIQ*-Menschen in der Thüringer Kommunalverwaltung gibt. Ebenso wurde deutlich, dass die befragten Kommunalverwaltungen (insb. Gleichstellungsbeauftragte und Standesämter) für die Belange von LSBTIQ*-Menscen wenig sensibilisiert sind und kaum Kenntnisse über Beratungsstellen anderer Träger besitzen.

Die 2015 veröffentlichte Coming-out-Studie des Deutschen Jugendinstituts zeigt deutlich, dass das Freizeit- und Beratungsangebot für Jugendliche und junge Erwachsene der LSBTIQ*-Gemeinschaft zu Wünschen übrig lässt. Die wenigen Gelegenheiten finden sich zumeist in Großstädten und sind nur kurzlebig, da sie nicht durch öffentliche Mittel unterstützt werden, obwohl 76 % der Befragten Unterstützung hilfreich fänden.

Queeres Zentrum

Die vorgenannten Untersuchungen zeigen, dass trotz fortgeschrittener rechtlicher Normalisierung noch immer im erheblichen Umfang Vorurteile gegenüber LSBTIQ*-Menschen bestehen. Währenddessen existieren in Thüringen für diese Zielgruppe kaum spezifische Anlauf- oder Beratungsstellen, die zudem fast ausschließlich ehrenamtlich arbeiten.

Mit einem queeren Zentrum kann Erfurt ein sichtbares und vorbildliches Zeichen für Freiheit, Respekt, Vielfalt und Chancengleichheit setzen. Dabei wird die Lebenssituation von vielen Menschen in der Stadt verbessert und so eine langfristige Perspektive für ein Leben in Erfurt entwickelt. Mit einem so gesetzten Ausgangspunkt ergeben sich weitere Impulse für ein zivilgesellschaftliches Engagement und es ergibt sich eine verbindende Struktur für bestehende und entstehende Angebote.

Ein queeres Zentrum als zeitgemäße, nachhaltige und zukunftsfähige Infrastruktur für LSBTIQ*-Menschen sowie andere adressierte und interessierte Zielgruppen der Allgemeinbevölkerung sollte dabei auf drei Ebenen arbeiten:

  • Beratung
    Einrichtung eines auf LSBTIQ*-Menschen spezialisierten psychosozialen Angebotes innerhalb eines geschützten, niederschwelligen Rahmens.
  • Bildung
    Ausbau von vielfaltspädagogischen Bildungsangeboten zur Akzeptanzförderung in der Allgemeinbevölkerung sowie zur Unterstützung selbstwertfördernder Identitätsbildungen von LSBTIQ*- sowie weiteren Menschen.
  • Begegnung
    Verbesserung und Verstetigung von Ressourcen und Angebotsqualität innerhalb der Szene, Synergieeffekte für lokale und regionale Gruppen, Förderung des Zusammenhalts und der gemeinsamen Interessenvertretung von LSBTIQ*-Menschen, den Lebensweisen und Gruppen und Angeboten im Raum Erfurt,

Entsprechende Konzepte können von bereits bestehenden queeren Zentren in Deutschland adaptiert werden (z. B. Rosa Linde (Leipzig), Queeres Zentrum (Göttingen), Checkpoint Queer (Lüneburg)).